Geschichte » Rhein
Der gefrorene Rhein
Von 1780 bis heute fror der Rhein an mehreren Stellen gleichzeitig 14-mal zu – zehnmal davon während eines Minimums der Sonnenaktivität. Ab 1815 zählen Heimatforscher knapp 20 Mal eine geschlossene Eisdecke in unserem Raum.
1848 kam es zu monatelangem Stillstand des Verkehrs. Die Kähne froren in den Häfen ein, und Hunderte von ihnen wurden durch die Eismassen zerquetscht. Ähnlich sah es auch 1894 aus. Im Winter 1913/14 war der Rhein zugefroren.
Besonders frostig aber war das Jahr 1929. Bis zu minus 25 Grad Celsius und wochenlanger Dauerfrost führen dazu, dass sich eine richtige Eiswüste von Ludwigshafen bis Koblenz erstreckt. Nach wochenlangem Dauerfrost mit Temperaturen bis zu minus 24 Grad trieben immer mehr Eisschollen auf den beiden Flüssen, die sich an vielen Stellen übereinander schoben und an manchen Engstellen meterhohe Auftürmungen bildeten. An der Nahe stauten sich die Eisschollen vor der Drususbrücke. Am 11. Februar 1929 erstarrte schließlich auch die Fahrrinne des Rheins und es bildete sich eine 20 km lange geschlossene Eisdecke, die sich täglich vergrößerte. Wie ein wild umgepflügter Acker habe der Rhein ausgesehen, heißt es in Berichten. Am 12. Februar 1929 sind die ersten Binger auf dem Rhein nach Rüdesheim gelaufen. Wegen der starken Eis-Unebenheiten brauchte man hierfür eine Dreiviertelstunde Zeit. Ein Weg war mit Asche gestreut. Die Menschen, die sonst mit der Fähre zum Arzt oder zu ihren Arbeitsplätzen gefahren wären, mußten nun zu Fuß laufen. Auch an der Nahe zwischen Beuchergasse und Schlossbergstraße hatten sich beachtliche hohe „Eisschilben“ (Binger Dialekt für Eisschollen) gestaut und aufgetürmt.
Am Nadelöhr unterhalb der Loreley türmen sich die Eisschollen meterhoch, wochenlang liegen hunderte Schiffe fest. Der Chronist notierte, dass sich nach Schnee im Januar am 10. Februar, dem Fastnachtssonntag, die Eisdecke an der Loreley geschlossen hat und die Eisbrecher nicht mehr dagegen ankamen. „Alle Mühe die man sich mit dem Eis machte war umsonst“. Am 13. Februar: ‚“Es werden in Bingen -26° gemessen. Pegelstand: 2,70“.
Auf der Eisfläche aufgebaute Stände boten den zahlreichen Besuchern allerlei Kurzweil. Während die einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden beklagen, freuen sich findige Geschäftsleute, die auf dem zugefrorenen Fluss Würstchenbuden aufbauen und Glühwein verkaufen. Das Naturereignis lockt tausende Schaulustige an. Das Highlight für die Kinder: ein selbstgebautes Karussell mitten auf dem Rhein.
Am 24. und 25. Februar war Tauwetter, doch am 26. Februar setzte wieder große Kälte ein und ab dem 28. Februar war der Rhein wieder begehbar. Für den 8. März 1928 notierte der Chronist Tauwetter: „Das Eis beginnt sich zu lockern“. Um den Prozess zu beschleunigen wurden Eissprengungen durchgeführt.
Der Februar 1942 war ein langer, harter Winter mit Temperaturen bis nahe an -20° und fast zehn Wochen Dauerfrost. Die Seen, Weiher und Tümpel waren schon seit Weihnachten gefroren – viele davon bis auf den Grund. Viele Familien saßen im Kalten, denn für manche Heizung, für manchen Ofen gab es nicht mehr genug Brennstoff. Schon im Januar waren Eisschollen auf dem Rhein zu sehen. Erst viele kleine, aber dann bildete sich bei Bingen und Kaub unterhalb der Lorelei schwerer Eisgang, der immer mehr größere Brocken vor sich herschob.
Der Februar 1956 gehört zu den kältesten Monaten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, er war sogar vielerorts der kälteste Einzelmonat überhaupt. Auch im Winter 1956 bringt Treibeis den Schiffsverkehr auf dem Rhein zum Erliegen. Bei Biebrich treiben 40 Quadratmeter große Eisschollen auf dem Fluss, viele Schiffe, die nicht mehr weiterkommen. Am Rhein bei Bingen kommt es zu Eisstau.
Im Winter 1962/63 friert der Rhein das bislang letzte Mal zu. An der Loreley staut sich damals das Eis so stark, dass gar keine Eisbrecher mehr durchkommen, es muss gesprengt werden. Das städtische Hafenamt versorgt die festsitzenden Besatzungen mit Trinkwasser. Im Tankschiff-Hafen unterhalb von St. Goar liegen 30 Tankschiffe fest.
"Wie die Wasser- und Schiffahrtsdirektion Mainz heute bekanntgab, ist die Rheinschiffahrt von Mannheim bis zur niederländischen Grenze jetzt völlig eingestellt. Allein im Mainzer Zoll- und Floßhafen haben 123 Rheinschiffe aller Anlieger-Nationen Zuflucht vor dem Eisgang gesucht."
Deutsche Presseagentur (20. Januar 1963)
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden diese Ereignisse durch die zunehmende Einleitung von Abwässern und der Abwärme in den Kühlwassern von Kraftwerken immer seltener. Die Temperatur des Rheins ist im Vergleich zur vorindustriellen Zeit im Durchschnitt um fast zehn Grad gestiegen. Dazu istder Salzgehalt des Rheins durch das Abwasser aus dem Kalibergbau in Lothringen über die Saar und die Mosel ab etwa der Vierzigerjahre stark angestiegen, in der Zwischenzeit ist dies aber nicht mehr der Fall. Daführ stieg mit dem Ausbau des Rheins die Fließgeschwindigkeit des Rheins, was die Eisschollenbildung verringert. Eine geschlossene Eisdecke entsteht, wenn die Eisschollen aufeinandertreffen und sich auftürmen.
Im Winter kommt es häufiger zu dem Phänomen, daß das Wasser wärmer ist als die Luft - daher ist der Rhein von einer Nebeldecke verhüllt, während darüber klarer Sonnenschein herrscht - der Rhein scheint zu dampfen.
In kalten Wintern kommt es wegen der geringeren Strömungsgeschwindigkeit im niederländischen Fahrgebiet manchmal noch zur Eisbildung.
Für die Lotsen bedeutete die Eiszeit: kein Verdienst. Tätig waren sie trotzdem, um zB. Schäden von den Kais oder dort liegenden Schiffen abzuhalten, wie unsere Bildauswahl zeigt.
Wer neben der Schifffahrt besonders unter dem Eis bzw. dem Treibeis litt, war der Mäuseturm. Bilder zeigen ihn deutlich auf der Binger Seite "angenagt" - nicht von Mäusen, sondern vom Eis. Daher wurde dort in preussischer Zeit 1848 ein massiver Eisbrecher gebaut, noch vor der Erneuerung des Turmes selber. Es gibt ihn heute noch (siehe die Mäuseturmbilder).
Weitere Bilder aus Bingen von 1929 hier und hier auf dem Archivserver der Stadt Bingen















