Binger Schifferverein 1895 e.V.
Schiffer- und Lotsenmuseum

Geschichte » Rhein

Sicherungsboot Typ 21 in voller Fahrt auf der Ostsee
Bild U.Kunkel

Flußpioniere: Pioniere die auch Matrosen waren

Bereits um das Jahr 50 v. Chr. berichtete Caesar, dass die Sugambrer den Rhein mit Flößen überquert hätten. Die Römer kontrollierten mit schnellen Ruderschiffen den Rhein, die Ruderer waren gleichzeitig Soldaten, die nach der Anlandung die Kämpfe aufnehmen konnten. In der Silvesternacht 1813/1814 waren es russische Pioniere, die Boote gebaut und diese in den Weinbergen versteckt hatten, mit denen sie dann den Truppen der Schlesischen Armee unter GFM Gebhard Leberecht von Blücher über den Rhein setzten und so die Rheinlande von Napoleon befreiten.

1940 sind es noch Schlauchboote, mit denen Pioniere und Schützen über die Maas den entscheidenden Angriff im Westfeldzug führen. Erste leichte Sturmboote sind durch Spanten verstärkte Holzboote mit glatter Außenhaut. Erst später wird mit der Aufstellung leichter Sturmbootkommandos, schwerer Fährenbataillone und bald auch selbstständiger Landungsboot-Kompanien begonnen. Im Jahre 1943 wurden Pionierlandungsbataillone formiert, die je nach Erfordernissen ihre Einsatzräume mit Schwimmfähre, Landungs- und schweren Sturmbooten bzw. Landungsbrückengerät ausgerüstet waren. Diese Landungspioniere wurden unter dem „Höheren Landungspionierführer“ Generalmajor Carl Henke (1896 – 1945) zusammengefasst.

Die Landungspioniere wuchsen bis Ende des Krieges auf 15.000 Mann an und haben unter widrigsten Umständen bei der Freimachung und Freihaltung der Wasserstraßen und küstennahen Gewässern Erstaunliches geleistet. Mit dem Namen der Landungspioniere und ihrem Pionierführer, General Henke, die mit äußerster Hingabe ähnliche Aufgaben erfüllten, wie sie später im Aufgabenkatalog der Flusspioniere zu finden waren, ist die Rettung vieler Hunderttausender Soldaten und Zivilpersonen verbunden, insbesondere beim Überschreiten der sehr breiten Flüsse in Russland.

Es waren die Pioniere der Allierten, denen 1945 die Aufgabe zufiel, die zerstörten Rheinbrücken zu ersetzen. An vielen Stellen und in kürzester Zeit schlugen sie Pontonbrücken, so auch bei Bingen. Die zerstörten Brücken behinderten die Bevölkerung nach dem Krieg, nicht den Vormarsch der Alliierten.

Mit der Aufstellung der Flusspionierkompanien in der Bundeswehr, wurden für die speziellen Aufgaben beim Überwinden von breiten, strömungsstarken Gewässern, eine zeitgemäße und leistungsstarke Lösung geschaffen. Man musste damit rechnen, daß der Warschauer Pakt zahlreiche Brücken zerstören würde, nachrückende Verstärkung aus den anderen NATO-Ländern müssten mit anderen Mitteln über den Rhein vorrücken.

Flusspioniere     

Die Flusspionierkompanien der Bunderwehr waren gemäß „Stärke – und Ausrüstungsnachweis“ (STAN) in Auftrag, Gliederung und Personal identisch, verfügten jedoch über einen unterschiedlichen Bootspark. Die Erstausstattung mit Wasserfahrzeugen bestand ausschließlich aus Booten, die von den „Alliierten“ der jungen Bundeswehr überlassen wurden. Die Pionierflotte hatte Ende des Jahres 1968 einen Umfang von insgesamt 85 Booten.     

Die Bundesrepublik Deutschland war durch NATO – Verträge verpflichtet, die Operationsfreiheit aller auf ihrem Hoheitsgebiet eingesetzten NATO – Truppen aufrechtzuerhalten. Dabei musste in erster Linie sichergestellt werden, dass die für die Durchführung der Operationen in der rückwärtigen Kampfzone und der Verbindungszone erforderlichen Verkehrswege ständig betriebsbereit waren. Der Übergang über breite, strömungsstarke Gewässer war hier eine besondere Herausforderung. 

Mit der Aufstellung der Flusspionierkompanien in der Bundeswehr, ab 3. Juli 1957 wurden der Pioniertruppe Spezialeinheiten zur Verfügung gestellt, die ihrer Aufgabe und Ausrüstung nach einer wertvollen Ergänzung der Brückenschlagenden Pioniere darstellte.

Sie waren als schwimmende Einheiten am Rhein stationiert, da die Stromverhältnisse vor allem hier ihren Einsatz in einem Verteidigungsfall notwendig machten. Sie konnten an jeder Stelle des Stromes eingesetzt werden und waren jederzeit in der Lage, Truppen und Material ohne vorbereitende Bauzeit über den Fluss zu setzen. Die insgesamt sechs Flusspionierkompanien waren als selbstständige Einheiten den schweren Pionierregimentern / Pionierkommandos unterstellt und am Rhein im Rahmen der Territorialen Verteidigung eingesetzt. 

Pionierflotte

Im Rahmen einer tiefgreifenden Umstrukturierung der Flusspioniere mit einer gleichzeitigen Verminderung von sechs auf vier Kompanien kam es 1969/1970 zu einer Neugliederung des vorhandenen Gerätes. Aus den Standorten Koblenz/Neuwied, Achim/Neuwied, Krefeld (2 Kompagnien), Wiesbaden-Schierstein und Karlsruhe wurden nur noch Achim, Krefeld, Neuwied und Wiesbaden-Schierstein. Alle vier Flusspionierkompanien erhielten nunmehr 

  • 9 Pionier-Landungsboote Typ „Mannheim 59“ oder Pionierfähren Typ „Bodan“
  • 3 Pionier-Sicherungsboote Typ „Classe 21“ oder „Classe 33“
  • 1 Pionier- Schlepper Typ „Mainz“                                                                 

Die Flusspionierkompanien förderte die Bewegungen eigener Truppen beim Überwinden von Gewässern durch Einsatz von Flussfähren im Dauerbetrieb.

Handfeste Männer: Seemänner - Blaumänner - Pioniertaucher

Flusspioniere waren nicht nur Soldaten oder nur Pioniere. Außer der normalen Ausbildung zum Pionier (z.B. Schützengräben ausheben, Marschieren nach Kompass, Panzerminen schleppen, Brücken bauen, Sprengungen vorbereiten und durchführen (Pionierfeldwebel hatten den Sprengberechtigungsschein) mussten hier spezielle Kenntnisse erworben werden. Feldwebel erhielten die Ausbildung zum Bootskomandanten oder  Bootsmaschinenfeldwebel. Unteroffiziere wurden zum Bootssteuermann oder Bootsmaschinenunteroffizier ausgebildet. Soldaten erhielten u.a. die Ausbildung zum Bootsmaschinisten, Feldkoch oder zum Funker. Auch Pioniertaucher, Schwimmtaucher, Helmtaucher wurden für spezielle Aufgaben, wie Erkunden von Gewässern und leichte Arbeiten unter Wasser ausgebildet. Brennschneiden und Sprengaufgaben unter Wasser waren ebenfalls Teil der Ausbildung. Alle Taucherlehrgänge fanden an der Pionierschule in München und in Percha am Starnberger See statt. Um diese Anforderungen der einzelnen Fachrichtungen erfüllen zu können, mussten die Jungen Männer/Soldaten eine fungierte Berufsausbildung (überwiegend im Handwerk) mitbringen.  Die militärische und fachliche Ausbildung der Soldaten waren die Voraussetzung für die Beförderungen zum Unteroffizier und Feldwebel.

Der Dienstalltag in der Flusspionierkompanie war alles andere als Langweilig. Es gab immer etwas zu tun. Material und Ausrüstung mussten gepflegt und einsatzbereit  gehalten werden, auch die Ausbildung im Fachbereich wurde in den Kompanien weitergeführt.  Teilnahme an Manövern und Übungen standen auf dem Programm. Streckenfahrten auf dem Rhein, dienten dazu, den Fluss und seine Eigenschaften kennenzulernen. Der Regimentsbereich der Flusspioniere Wiesbaden-Schierstein erstreckte sich von Lauterburg an der französischen Grenze bis nach Bad Honnef. Zweijährlich fand für alle Flusspionierkompanien das Ostsee-Seezielschießen statt, ein Highlight für alle teilnehmenden Einheiten. Die Flusspionierkompanien Wiesbaden-Schierstein, Neuwied, Krefeld und Achim führten diese Übung zusammen durch. 

Es dauerte eine Woche bis die Boote der Einheiten vom Rhein kommend, über den Dortmund-Ems-Kanal den Mittelland-Kanal die Weser rauf über Münster nach Bremer Hafen gefahren waren. In Bremer Hafen wurden die Kompasse justiert und danach ging die Fahrt am Leuchtturm Alte Weser vorbei durchs Wattenmeer zur Elbe nach Brunsbüttel durch den Nord-Ostsee-Kanal bis nach Kiel, durch die Kieler Bucht Ostsee durch den Fehmarnsund nach Großenbrode Hafen.

Im Hafen angekommen gab es viel zu Organisieren. In den vorgesehenen zwei Wochen Aufenthalt musste das Seezielschießen organisiert, durchgeplant und Vorbereitet werden. Vorgesehen war das Schießen  auf Scheiben und auf Luft Ziele. Die Scheiben waren auf Großen Flössen festgemacht und mussten vom Schlepper zum Zielort außerhalb der 3 Meilen Zone gebracht und dort verankert werden.

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