Binger Schifferverein 1895 e.V.
Schiffer- und Lotsenmuseum

Geschichte » Lotsen

Lotse Kurt Hartmann beim Übersteigen zur Lotsenfahrt.

Geschichtliches über die Binger Steuerleute / Lotsen

Der Beruf der Lotsen am Rhein ist so alt, wie dieser Strom von Menschen mit Wasser-Fahrzeugen befahren wird. In einigen Familien wird der traditionsreiche Beruf schon seit Generationen ausgeübt. Obwohl diese verantwortungsvolle Tätigkeit recht hart war und auch unter ungünstigen Verhältnissen, wie Schnee, Eis, Nebel, Hoch- und Niedrigwasser ausgeübt werden musste.

Wer kannte sie früher nicht, die Steuerleute / Lotsen mit ihren wind- und wettergegerbten Gesichtern, ihren blauen Schirmmützen, und meistens im dunklen Jackett, häufig sogar mit Krawatte, die an ihrer Lotsenstation in Bingen, am Rheinufer wartend bereitstanden.

Sie kannten sie vielleicht auch daher, dass sie nach beendeter Lotsenfahrt an der B 9 auf eine Mitfahrgelegenheit zu ihrer Station, warteten. Sie wollten nicht immer auf den allgemein verkehrenden Busdienst warten, per Anhalter kamen sie schneller zu ihrer Station nach Bingen zurück.

Die Autofahrer nahmen die Lotsen gerne mit. Gab es doch immer etwas zu erzählen, von ihrer Arbeit auf dem Strom, von ihren Erlebnissen, an Bord der von ihnen belotsten Schiffe oder sonstige Geschichten aus ihrer stromgebundenen Umwelt.

Diese Unterhaltung schätzten die Autofahrer sehr. Denn so erfuhren sie etwas von einer für sie meist fremden Berufswelt, die sie vom Ufer aus nur auf Abstand bewundernd beobachten konnten.

Die Autofahrer waren dann überrascht, wenn die Lotsen beim Aussteigen am Zielort und nach einem herzlichen Dankeschön für die Mitfahrt noch 50 Pfennig auf die Armaturkonsole legten.

Im Jahre 1935 befuhren von Bingen bis Mainz 28 Lotsen den Rhein. Von Bingen nach Kaub waren 56 Binger Lotsen als nautische Berater auf dieser Rheinstrecke tätig.

Ab 1945 waren es noch 35 Steuerleute und Lotsen. Der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland brachte auch der Berufsschifffahrt in den Jahren 1953/1957 einen Aufstieg, so dass in Bingen sage und schreibe, bis zu 77 Lotsen stationiert waren.

Allerdings ging es den Lotsen gegen Ende des 20, Jahrhunderts ähnlich wie im 19. Jahrhundert der Treidelschifffahrt. Die Treidler, Halfner oder Hafterer und Leinenreiter oder Leinenschnepper, Sie alle wurden durch die Einführung der Dampfschifffahrt, nicht mehr benötigt.

Die Männer dieser Berufe versuchten als sogenannte Maschinenstürmer vergebens, wie teilweise auch in anderen Berufen gegen die Einführung der Dampfmaschinen, vorzugehen. Sie konnten die begonnene Entwicklung damals, wie die Lotsen am Mittelrhein auch Anfang der 1970er Jahre nicht aufhalten.

Denn mit dem Ausbau und dem Ab tiefen der Rheinsohle waren nahezu alle von der Schifffahrt zu meidenden – und je nach Wasserstand gefährlichen naturgegebenen Hindernisse im Strombett der Gebirgstrecke beseitigt.

Deren Beseitigung war die Voraussetzung für den jetzt für die Schifffahrt eingeführten generellen Rechtsverkehr in der Lotsenstrecke Bingen/St. Goar. Denn damit fiel der vorher nautisch zwingend erforderliche, mitunter gefährliche und manchmal zu Havarien führende Fahrseitenwechsel weg.

All das führte zu dem für die Steuerleute / Lotsen nachteiligen Ergebnis, dass die Schifffahrt sie als Nautiker nicht mehr unbedingt benötigten.

Der Lotsenalltag

In Bingen waren die beiden Lotsenboote „Anni“ und „Lotsendienst 1“ stationiert. Von den immer fahrbereiten Versetzbooten stiegen die Steuerleute in loser, im Regelfall jedoch alphabetischer Reihenfolge auf die Bingen passierenden Schiffe über.

Der Lotse fuhr mit dem Schiff bis Kaub zu Tal und wurde dort von einem Kauber Kollegen abgelöst, der die anschließende Rheinstrecke bis St. Goarshausen übernahm. Falls kein Kauber Lotse verfügbar war, übernahm der Binger Lotse die restliche Strecke bis St. Goar. Voraussetzung war allerdings, er hatte die Lizenz/das Patent für dieses Teilstück.

An einem verkehrsreichen Tag auf dem Rhein konnte ein Lotse mit etwas Glück fünf Reisen verbuchen. In den Jahren um 1960 betrug der Lotsentarif je nach Fahrzeugart und Größe, beladen oder unbeladen, zwischen 10,00 bis 12,00 DM Lohn, für eine Lotsenfahrt. 1975 lag der Tarif dann schon bei 18 DM 22,00 DM.

Sommer wie Winter war ein Lotse, wenn er wollte, im Einsatz. Denn ein Lotse war nicht angestellt, sondern ein Freiberufler. Er konnte also über sich und seine Arbeitszeit frei verfügen.

Interessant zu wissen, zu der damaligen Zeit und auch noch später hatten einige Binger Steuerleute/Lotsen Beinamen, so genannte Spitznamen, z. B.: „Derrflechkopp“, „Goggo“, „Schwardemagen“, „Bierhannes“, „Goldfinger“, „Süppchen“, „Baron“, „Hustenbonbon“, „Schnook“ „Zamba“ und „Papst“.

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