Geschichte » Binger Lotsenhaus & Orderstation
Schiffermasten - der Treffpunkt der "schiffischen" Menschen
Warum gibt es Schiffermasten?
Zunächst einmal fuhr man früher an den Flüssen nicht durch, sondern hielt für die Nacht. Es gab keine ausreichende künstliche Beleuchtung oder gar Radar, um Untiefen, Riffe etc. zu erkennen. Die Fahrt stoppte mit dem Sonnenuntergang und ging erst mit dem Sonnenaufgang weiter. Daraus ergibt sich eine einfache Frage: wo kann man ankern? Und nicht an jedem Ort gibt es einen Schutzhafen. Also legte man am Ufer an, oft mehrere Schiffe nebeneinander und hintereinander. Ein Ufer kann lang sein, insbesondere wenn etliche Schiffe dort hintereinander liegen.
Womit sich die nächste Frage ergibt: und wo trifft man sich?
Wo treffen sich die Schiffsführer, um das morgendliche Ablegen zu besprechen, wo heuert man Lotsen oder Schiffsjungen an? Wo findet ein Kaufmann einen Schiffer, der seine Ware mitnimmt, und wo liefert dieser die Ware wieder ab? Wo tauscht man Nachrichten aus, wie die weitere Strecke ist? Oder in der Zeit vor Zeitungen und Radio: wo erfährt man Neuigkeiten aus anderen Städten? Vielleicht hat das Schiff ja auch Briefe mitgenommen – wo werden die abgeliefert oder abgegeben? Telefon, Funk, Postwesen – das alles gab es früher nicht.
Daher war ein Schiffermast als Treffpunkt eine sehr praktische Sache.
Sie wurden häufig von den Schiffervereinen errichtet. Beispiel ist der Schiffermast in Neuburg am Rhein, der 1925 vom Schifferverein Neuburg als Vereinssymbol neben dem Dorfplatz aufgestellt wurde. Unter ihm sollten sich fortan „Berufskameraden zu allen Zeiten in Freud und Leid zusammenfinden“.
In einigen Gemeinden, insbesondere an der Donau und am Main, gibt es die Tradition, dass Streitigkeiten zwischen Schiffern am Schiffermast geklärt werden. Diese Praxis wird in den Protokollen der Schifferzunft von Passau (18. und 19. Jahrhundert, Stadtarchiv Passau) erwähnt. Der Mast galt als neutraler Ort, an dem die Schiffer unter dem Zeichen ihrer gemeinsamen Traditionen ihre Differenzen beilegen konnten.
Die zwei Schiffermasten in Bingen
Warum es in Bingen zwei Schiffermasten gibt: einen am "Holländerbock" und einem hinter dem alten Lotsenhaus, ist ungeklärt. Was man weiß ist das es 1966 einen großen Mast gab, der zwischen dem Lotsenhaus und der KD-Agentur stand. Vermutlich ist dieser bei einer Umgestaltung dann hinter das Lotsenhaus verlegt worden, vielleicht als das Lotsenhaus umgebaut wurde. Der Holländerbock selber war zu diesem Zeitpunkt noch eine Anlegerstelle. Erst später wurde die Zahl der Anleger verringert und der Holländerbock als kleine Gedenkstätte für die Schifffahrt ausgebaut. Vermutlich wurde dann ein neuer großer Schiffermast errichtet. Konkurrenz machen sich die beiden keine, denn sie werden beide vom Binger Schifferverein beflaggt.
Schiffer und ihre Schiffermasten
Viele Schiffer haben persönliche Rituale, die mit dem Schiffermast verbunden sind. Einige Schiffer berühren den Mast vor einer Fahrt als Zeichen des Glücks (Aufzeichnungen der Rheinischen Schifferbruderschaft", 1920er Jahre, Archiv der Stadt Köln).
Schiffermasten sind oft auch Mittelpunkt von Hafenfesten, Ehrungen werden vorgenommen, Feste gefeiert, an Verstorbene gedacht. Kehrte ein Schiffer von einer langen und aufregenden Fahrt zurück, stiftete er vielleicht einen Wimpel als Dankeszeichen. Für Binnenschiffer ist der Schiffermast ein Symbol ihrer Identität und Zugehörigkeit. Die Familie hat einen Punkt, an denen sie an den Abwesenden denken kann.
Wenn sie einen Mast mit dem Wimpel ihrer Reederei oder Familie sehen, fühlen sie sich zu Hause – egal, wie weit sie von ihrem Heimatort entfernt sind.




