Binger Schifferverein 1895 e.V.
Schiffer- und Lotsenmuseum

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Seilschifffahrt

Auf der Elbe und in Frankreich waren die Kettenschiffe sehr erfolgreich, und es wurde überlegt, ob diese Art der Fortbewegung auch auf dem Rhein machbar wäre. Da aber auf dem Rhein viel mehr Fahrzeuge verkehrten und die Kettenschiffe zu unbeweglich waren, weil die Kette mitten über das Schiff lief, wurden die Seilschiffe entwickelt, die nur auf der Backbordseite eine Vorrichtung hatten, um das Seil aufzunehmen. Das Vorderteil flachte bis zum Wasserspiegel ab. Hier befanden sich große Seilscheiben. An seitlich drei bis vier Seilscheiben wurde das im Strombett liegende Stahlseil geführt, an dem die „Hexe“ vorwärts haspelte. Über das vordere Leitrad wurde das Seil der Trommel zugeführt, die rundum angebrachten Klappen schlossen sich durch das Gewicht des Seils und klemmten es fest. Nach einer halben Umdrehung öffneten sich die Klappen, und das Seil wurde über das hintere Leitrad wieder ins Wasser gelassen. Das Seil war 43 Millimeter dick, es lag auf der Stromsohle. Zu Tal fuhren die Tauer frei.

Am Rhein bestanden mehrere Tauerstrecken. Die erste verlief von Emmerich bis nach Duisburg und wurde vom 1. Mai 1873 bis Ende Juni 1873 für Versuchsfahrten benutzt. In dieser Zeit schleppte ein Tauer auf 15 Reisen von Emmerich nach Duisburg insgesamt 74 Schiffe mit zusammen 11.713 Tonnen Fracht. Im Frühjahr 1874 wurde das zweite Teilstück von Duisburg nach Köln verlegt. Im Herbst 1875 wurde die Strecke von Köln bis Oberkassel fertiggestellt, und im Jahr 1876 die Teilstücke Oberkassel – Sankt Goar und Sankt Goar – Bingen. Das Kabel wurde am Felsen der Krausaue verankert. Dort auf der Binger Höhe war ein Fahrzeug stationiert. Es trug mehrere Rollen, die das Aufwickeln der Drahtseile besorgten. Damit kamen die Dampfer mit ihren Kähnen im Anhang ganz gut zurecht, bewältigten auch das Binger Loch und sparten Kohle als Antriebsstoff.

Im Laufe der Jahre wurden immer stärkere Raddampfschlepper entwickelt und die Schifffahrt auf dem Rhein nahm ständig zu. Da wurden die Seilschiffe immer mehr zu einem Hindernis für die freifahrenden Schiffe und wurden bald nur noch Hexen genannt. 1905, als man das Seil hätte erneuern müssen, wurde die Seilschifffahrt aufgegeben und das Seil aus dem Rhein entfernt. Die Erneuerungskosten überstiegen die zu erwartenden Erträge. 

Trotzdem kamen noch bis 1914 schwere Schleppzüge oft nicht ohne Pferdevorspann aus. Der alte Binger Rheinkapitän Jean Baptist Schneider (14.07.1887 – 1. 5.1960) wusste interessant davon zu erzählen. Wenn ein solcher Schleppzug sich bergwärts Assmannshausen näherte, läutete der Schiffsführer energisch die Schiffsglocke, um zum Schluss durch so viel Einzelschläge drahtlos wissen zu lassen, wieviel Zugpferde er benötigte. Die Assmannshäuser Pferdehalter sprengten dann hoch zu Ross dem Rhein zu. Inzwischen hatten die „Leinschlepper“ in ihren kleinen Booten die Wurfleinen des Dampfers aufgefangen. Damit wurden die Zugleinen der Pferde verbunden und dann ging es hurtig durch das Binger Loch. Was mehrere hundert PS Dampfkraft nicht schafften, bewältigten die Pferdestärken aus Assmannshausen. Zuletzt hatte Assmannshausen noch 28 Treidelpferde zur Verfügung. Im Krieg 1914/ 18 wurden sie zum Militärdienst eingezogen. Das war das Ende des Treidelns in der Bingen-Rüdesheimer Gegend. Dagegen kannte man Treideln auf den Kanälen in den Niederlanden, in Belgien, Elsass-Lothringen und im übrigen Frankreich noch in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg.