Am 7. Juni 2026 luden der Binger Schifferverein und das Lotsenmuseum im Rahmen des UNESCO-Welterbetags zum ersten Erzählmuseum ein. Unter dem Motto „Gemeinsam für Frieden und Verständigung“ und passend zur aktuellen Skulpturen-Triennale mit dem Thema „Verbindung und Zusammenhalt“ stand der Rhein im Mittelpunkt – als Grenze, als Verbindung und als Symbol europäischer Geschichte.
Gemeinsam mit den anderen Rhein-Museen – Stellwerk im Park am Mäuseturm, Museum am Strom und der Alte Kran – wurde dieser Tag zu einem besonderen Erlebnis für alle, die sich für die vielschichtige Geschichte des Stroms interessieren.
Die sechs Stationen des Rheins: Von der Grenze zur Verbindung
1. Die Grenze – der Rhein der Römer
Der Rhein war für die Römer zunächst eine klare Kulturgrenze. Victor Hugo beschrieb ihn als „vereisten Fluss“ (Frigora Rheni), der das wilde, unzugängliche Germanien von der zivilisierten römischen Welt trennte. Ein Binger Studienrat merkte dazu an:
„Die Germanen auf der anderen Rheinseite lebten noch in Laubhöhlen, da hatten die Binger schon geheizte Badezimmer.“
Für die Römer war der Rhein nicht nur eine militärische Grenze, sondern auch ein wichtiger Handelsweg. Ein lateinisches Zitat – dessen Ursprung leider nicht belegt werden kann – unterstreicht seine Bedeutung:
„Rhenus navigabilis est ab Alpibus usque ad Oceanum, magnisque oneribus vectabilis.“
(„Der Rhein ist von den Alpen bis zum Ozean schiffbar und kann schwere Lasten tragen.“)
Das Binger Riff war dabei keine Endstation, sondern eine Herausforderung, die die Schiffer durch geschicktes Manövrieren überwanden. Doch der vereiste Rhein hatte einen entscheidenden Nachteil: Im Winter konnten die Germanen ihn einfach zu Fuß überqueren. Dies mag ein Grund gewesen sein, warum der Limes nur wenige Kilometer nördlich gebaut wurde – eine Mauer, die, ähnlich wie heute zwischen Mexiko und den USA, die „wilden Horden“ Germaniens fernhalten sollte.
2. Die Verbindung: Völkerwanderung und Mittelalter
Mit dem Zerfall des Römischen Reiches wurde der Rhein zur Verbindung. Die Völkerwanderung brachte neue Kulturen, das Christentum setzte sich durch. Die Schiffahrt mag in dieser Zeit dokumentarisch kaum belegt sein, doch der Rhein blieb ein Kommunikationsstrom – trotz Hochwasser, Riffe und Untiefen.
Die heilige Hildegard erkannte: Auf dem Disibodenberg konnte sie zwar gut beten, doch für den Austausch mit den Mächtigen der Welt war das Rheintal die bessere Wahl – wo viele Menschen vorbeikamen und die Post mitnahmen. Die Zollgeschichte des Rheins zeigt, wie wichtig der Fluss als Handelsweg war. Schon im 7. Jahrhundert gab es Abgaben für den Transport auf dem Rhein, und im Ersten Rheinischen Städtebund (1254) versuchten 59 Städte, die 30 Rheinzölle abzuschaffen. Ebenso 100 Jahre später die Kurfürsten im "Kurverein" – Vorhaben, die nicht dauerhaft waren. Ein Binger Wein musste auf dem Weg in die Niederlande an 15 Zollstellen Abgaben entrichten – in heutiger Kaufkraft etwa 3–10 €. Einige Quellen sprechen davon, dass bis zu 2/3 des Warenwertes auf Zölle entfielen – ein Anteil, der heute dem Steueranteil auf Benzin entspricht.
3. Internationale Verbindung: Vom Rhein-Octroi bis zur Rheinkommission
Mit dem Vertrag über das Rheinschifffahrts-Octroi (1804) wurden die unterschiedlichen Durchgangszölle zugunsten eines einheitlichen Systems abgeschafft. In Mainz entstand eine erste internationale Verwaltungsstelle, die die Schiffbarkeit des Rheins verbessern sollte.
Doch gleichzeitig wuchs der Nationalismus. Die Frage, ob der Rhein die „natürliche Grenze Frankreichs“ sei, wurde im 19. Jahrhundert immer lauter. Doch schon Victor Hugo, der 1840 Bingen und den Mäuseturm besuchte, träumte in seinen „Briefen vom Rhein“ vom "Zeitpunkt, wo der Rhein ein europäischer Fluß sein wird" und sagte 1849 voraus: „Ein Tag wird kommen, wo ein Krieg zwischen Paris und London, zwischen Petersburg und Berlin, zwischen Wien und Turin ebenso absurd scheinen würde wie zwischen Rouen und Amiens, zwischen Boston und Philadelphia.“
1815 wurde die Zentralkommission für die Rheinschifffahrt in Mainz gegründet – die älteste internationale Institution der Welt. Die Mainzer Akte (1831) regelte die Schiffahrtsfreiheit und legte den Grundstein für die Rheinkommission, die bis heute die Schiffahrt auf dem Rhein koordiniert.
4. Neue Grenze: Kriege um den Rhein (1866–1945)
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Rhein wieder zur Grenze. 1866 führte das preußische Bingerbrück gegen das hessische Bingen Krieg, sogar die Nahe wurde zur Grenze. Im Ersten Weltkrieg wurde die Hindenburgbrücke in Bingen als Wehrbrücke gebaut – mit Maschinengewehrstellungen, Teil der Festung Mainz.
Nach dem Versailler Vertrag (1919) wurde die Zentralkommission umstrukturiert, der Sitz nach Straßburg verlegt. Frankreich besetzte das Rheinland, Bingen wurde wieder Garnisonsstadt zum Schutze Frankreichs gegen das deutsche Reich. Das Misstrauen war so groß, dass es sogar einen unabhängigen französischen Lotsendienst für den Rhein gab.
1930 endete die Rheinlandbesetzung, doch der Zweite Weltkrieg brachte neue Teilungen: Die Wehrmacht sprengte die Hindenburgbrücke, die Amerikaner bauten eine Pontonbrücke – die Schifffahrt litt, die andere Rheinseite wurde amerikanische, Bingen französische Zone. Schiffer brachten manche heimlich von der einen in die andere Zone, mit falschen Ausweisen.
5. Endlich verbunden: Der Rhein im neuen Europa
Nach 1945 spielte die Zentralkommission eine dynamische Rolle bei der Wiederaufnahme der Rheinschifffahrt. 1950 wurde zusätzlich die IKSR (Internationale Kommission zum Schutz des Rheins) gegründet, um die Verschmutzung zu bekämpfen. Heute ist der Rhein ein integraler Bestandteil des europäischen Wasserstraßennetzes – ein einzelnes Binnenschiff ersetzt bis zu 100 LKW-Ladungen, und die Schifffahrt verursacht nur ein Drittel der Emissionen eines LKWs.
6. Der Rhein, die europäische Völkermühle
Victor Hugo sah im Rhein einen symbolischen Fluss, der die Geschichte Europas widerspiegelt:
„Der Rhein, mein Freund, ist ein edler Fluss, herrschaftlich, republikanisch, reichsbildend, würdig zugleich französisch und deutsch zu sein. Die ganze Geschichte Europas ist in seinen zwei Erscheinungsformen vertreten, in diesem Fluss der Krieger und Denker, in diesen prachtvollen Wellen, die in Frankreich aufprallen, in diesem tiefen Murmeln, welches Deutschland träumen lässt.“
Und Carl Zuckmayer schrieb in seinem „Teufels General“ mit einem Hymnus auf den Rhein als „Völkermühle“ und „Kelter Europas“:
„Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas! [...] Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald – [...] Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse.“
Das Erzählmuseum zeigte: Der Rhein war Grenze und Verbindung, Kriegsschauplatz und Friedensstifter, Handelsweg und Kulturträger. Heute ist er ein Symbol für die europäische Einheit – ein Fluss, der Völker verbindet und Geschichte schreibt.
Ein herzliches Dankeschön an alle Besucher, Mitwirkende und die anderen Rhein-Museen für diese gelungene Veranstaltung!